05 Jan 2013

Das Adagio

In mir klingt noch das Adagio nach. Welches mich immer in diesen Zustand versetzt. Und mich immer ein paar Zentimeter über den Boden schweben lässt. Ich löse meine sonst festgebundenen Haare, lass` sie mir bis über die Hüften hängen. Nehme Kleider meiner Großmutter aus dem Schrank und gehe nachts nach draußen.

Hier stehe ich, nur mit einem Nachthemd bekleidet. Der See kräuselt sich. Die Dämmerung hat sich darüber gelegt wie ein hauchdünnes Seidentuch. Über mir sind schwarz gezeichnet die Umrisse der Bäume. Ich atme tief ein. Der Boden riecht modrig und der See nach Algen.

Niemand sieht mich. Und wenn doch, wird er sich in mich verlieben. Auch wenn ich - so wie heute - ein altes Nachthemd trage. Kalt ist es. Ich blicke auf meine nackten Füße und bewege meine Zehen. Sie knacken leise. Die Kälte holt mich schneller zurück, als mir lieb ist. Ich bücke mich und blicke in den See. Ich sehe mein Spiegelbild. Das darf nicht sein, ich will weiter träumen. Rasch zerschlage ich das Bild mit meiner Hand. Das Wasser ist noch warm von der Nachmittagssonne. Es lockt mich. Die Algen wiegen sich hin und her. Jetzt höre ich wieder Geigenklänge. Mein Adagio. Der Mond bricht durch die Wolken und zieht Silberfäden auf dem See. Ich blicke ins Wasser. Jetzt endlich. Ich sehe meinen Hinterkopf. Alles ist wieder in Ordnung. Ich muss mich nur noch führen lassen. Das Wasser perlt an meinen Armen ab. Ich setzt einen Fuß in den See. Wie glitschig das Ufer ist. Schon bin ich ganz im Wasser. Die Geigentöne wimmern fast unerträglich. Mein Gesicht ist nass von Tränen.

Ich kann schwimmen und jederzeit zurück ans Ufer und werde nicht untergehen, wie Großmutter damals.

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