05 Jan 2013

Das Haus

Unser letzter Urlaub in Schweden. Für Gregor, meinem Mann, der absolute Reinfall. Für mich eine Art Bewusstseinserweiterung. Und für unsere Tochter Emma, die damals 2 1/2 Jahre alt war? Wahrscheinlich hat sie schon alles vergessen. Vielleicht auch nicht. Wir reden ja nicht darüber. Ich bin mir sicher, dass das Ganze sie verändert hat.

Wir kamen am späten Nachmittag nach einer sehr langen Fahrt an unser Urlaubsziel. Wir waren alle erschöpft und wollten eigentlich nur eines: Schlafen. Aber als ich das Häuschen von weitem sah - umgeben von alten Laubbäumen und ganz nahe an einem kleinen See angrenzend - wurde ich wieder hellwach. So beschaulich hatte ich` s mir nicht vorgestellt. Wir stiegen aus dem Wagen, streckten uns und atmeten die reine Luft ein. Die Sonne schien, der See glitzerte von ihren Strahlen. Die Bäume hielten die Hitze ab und vermittelten ein Gefühl der Geborgenheit. Emma umarmte einige Stämme und gluckste fröhlich vor sich hin. Das Haus war aus Holz und mit weißer Farbe gestrichen. Dazu blaue Fensterläden und eine kleine Veranda. Wir schlossen die Haustür auf. Im Haus war es sehr still. Unsere Ausgelassenheit wurde regelrecht verschluckt. Gregor sagte: "Jetzt lasst es uns doch erstmal ansehen." Ja, alles war sauber und nett eingerichtet. Trotzdem fühlte ich mich unwohl, ohne sagen zu können, weshalb. Während Emma im Haus herumsprang, packte ich die Koffer aus und begann, das Essen zuzubereiten. "Oh ja, Pannkuchen mit Appelmus", freute sich die Kleine, als sie mir beim Kochen zusah.

Nach dem Essen brachte ich Emma ins Bett. Sie schlief in einem kleinen Reisebett in unserem Zimmer. Ich ging zu Gregor, der auf der Veranda rauchte. Wir tranken Wein und schwiegen.

"Findest du nicht, dass es hier sehr still ist?" fragte ich.

"Das wolltest du doch, mal weg von dem ganzen Trubel."

"Das meine ich nicht, man hört keine Vögel zwitschern, keine Grillen zirpen."

Er erwiderte nichts.

"Auch im Haus ist es seltsam, findest du nicht?"

"Aber sauber ist es. Das letzte Mal hast du erst zwei Tage lang geputzt, weißt du noch? Genieß es einfach."

Wir gingen zu Bett und schliefen bald ein.

Irgendetwas weckte mich auf. Ich erstarrte, als ich Schritte über mir hörte. Schlurfende Schritte auf dem Dachboden. Unfähig mich zu bewegen vor Angst, versuchte ich zu sprechen. Aber auch das gelang mir nicht. Es war nur ein heiseres Flüstern, was ich heraus brachte. Endlich konnte ich meinen Arm bewegen. Etwas unkontrolliert, denn ich schlug ihn Gregor voll ins Gesicht. So unsanft geweckt, fragte er mürrisch, ob ich verrückt geworden sei.

"Da oben schleicht jemand herum", krächzte ich. Ich konnte immer noch nicht sprechen. "Bitte sieh nach, aber nimm ein Messer mit!"

Er nahm natürlich kein Messer mit und ging die Treppe zum Dachboden hoch. Er fluchte, weil er sich den Kopf angestoßen hatte. Ich hörte Gregors Schritte über mir, die suchend hin und her gingen. Emma schnorchelte leise vor sich hin. Als er herunter kam, sagte er: "Da ist niemand, nicht einmal eine Katze oder Ratte. Du kannst beruhigt weiter schlafen."

Ich glaubte ihm, dass er gründlich gesucht hatte und hörte bald darauf auf seine und Emmas ruhigen Atemzüge.

Die Schritte kamen wieder und bald darauf hörte ich sie auf der Treppe. Es war furchtbar. Ich konnte mich wieder nicht bewegen. Ich starrte auf die Tür und sah, wie die Klinke herunter gedrückt wurde.

Im gleichen Augenblick passierte mehreres. Ich sah Emma in ihrem Bettchen aufstehen. An meinem Ohr war dieses Klingeln, das ich schon kannte. Ich trat aus meinem Körper und schwebte an der Decke. "Oh Gott", dachte ich "ich kann mich doch nicht drehen." Es stimmte, sobald mein Körper starr wurde und ich dieses Klingeln hörte, konnte ich meinen leiblichen Körper verlassen und schwebte ein Stück darüber. Es war mir aber bisher noch nie gelungen, mich dabei umzudrehen und liegen zu sehen. Und jetzt klebte ich hilflos an der Decke, während sich irgendeiner an mein Kind heran machte. Es war jemand im Zimmer und Emma sagte: "Mama?"

Mit meiner ganzen Willenskraft schaffte ich es dann doch. Ich drehte mich. Dabei sah ich mich regungslos im Bett liegen, eine durchscheinend wirkende Frau mir wirren Haaren und schwarzem Kleid mitten im Zimmer stehen und Emma , die zwischen ihrer Mama auf dem Bett und an der Decke und der Frau im Zimmer hin und her guckte. Es dauerte erst, bis ich wirklich begriff, dass die Frau ein Geist war und eben im Begriff war, sich meines Körpers zu bemächtigen. Sie bewegte sich auf das Bett zu. Entsetzt erkannte ich ihr Vorhaben. So eine Möglichkeit bot sich ihr so schnell nicht wieder. Mit einer extremen Wucht landete ich wieder in meinem Körper. Die Geistfrau löste sich auf und verschwand. Ich stand auf und drückte Emma an mich. Mein Körper schmerzte. Ich weinte vor Erleichterung.

Wie ging es weiter?

Gregor wurde zum zweiten Mal diese Nacht geweckt und glaubte meiner Geschichte natürlich nicht. Er ließ sich jedoch davon überzeugen, dass dies nicht das richtige Haus für uns sei und packte kopfschüttelnd die Koffer ins Auto. Beim letzten Gang durch`s Haus erschrak ich noch einmal. Irgendetwas tropfte vom Treppengeländer. Diesmal schrie ich. Die Beiden kamen angerannt. Ich deutete auf die Stelle. Emma sagte: "Frau lieb, Emma ihr Appelmus gebracht." Tatsächlich: Das Apfelmus tropfte vom Treppengeländer.

Gregor schaute ratlos von mir zu Emma und sagte: „Wie bin ich nur zu dieser Frau und dieser Tochter gekommen?"

Mir ließ diese Nacht keine Ruhe und den Rest des Urlaubs war ich mit Nachforschungen beschäftigt. Meine Recherchen ergaben, dass in besagtem Haus ein junges Ehepaar gewohnt hatte. Die Frau konnte keine Kinder bekommen und wurde deswegen von ihrem Mann verlassen. Daraufhin hatte sie sich das Leben genommen. Erhängt. Am Dachboden.

Tags: