06 Jan 2013

Das Spiegellabyrinth

Die Aufführung war miserabel. Sie langweilte sich und sehnte die Pause herbei. Und ließ die Augen umherwandern. Nicht die Menschen interessierten sie. Es war das Opernhaus, das sie mit all seinem Prunk und Glanz beeindruckte. Die roten Polstersessel, mit goldfarbenen Schnitzereien umrahmt. Die cremefarbenen Wände mit den Marmorsäulen, hinter denen eine Vielfalt von Putten hervorlugte. Der tiefrote Samtvorhang auf der Bühne.

Und dann der Lüster, dessen Kristalle wie ein Springbrunnen Funken aussandten. Die ganze Ausstattung zog sie in ihren Bann zog und brachte sie dazu, aufzustehen und den Raum zu verlassen. Die letzten Fetzen des Gesanges der Primadonna wehten noch zu ihr heraus, als sie die Tür zur Loge hinter sich schloss. Dann war Stille. Ihre Schritte wurden von dem üppigen Teppich verschluckt.

Sie wollte nicht nach Hause. Wie waren die anderen Räume? Was gab es alles zu entdecken? Sie ließ sich treiben und lief fast schwebend durch die Gänge. Unsagbar leicht war ihr Schritt und unsagbar schwer ihre Robe, die mit königsblauem Samt einen Kontrast zum roten Teppich abgab. Die Garderobe ließ sie unbeachtet. Nur die Spiegel dort faszinierten sie. Von unglaublicher Größe mit goldfarbener Umrahmung. Sie gaben einem das Gefühl, man könne durch sie hindurch laufen.

Sie spürte, dass sie auf der Suche nach etwas war, ohne sagen zu können, was sie suchte. Sie lief weiter durch die Gänge, bis sie an eine große weiße Tür kam. Dann drückte sie die messingfarbene Klinke herunter und befand sich in einem wahrlich gigantischen Spiegellabyrinth, wie sie noch nie zuvor eines gesehen hatte. Spiegel über Spiegel, vom Boden bis zur Decke reichend, sich selber spiegelnd und irreführend durch Raumteilungen. Ihr wurde schwindlig und sie setzte sich auf den Parkettboden, der mit dunklen Intarsien verziert war. Es waren die gleichen Spiegel wie in der Garderobe. Teilweise schon blind durch ihr beachtliches Alter. Sie stand wieder auf und ging auf das Labyrinth zu., Es zog sie magisch an. Gleichzeitig vernahm sie einen surrenden Ton und fühlte sich, als würde sie ein Stück über dem Parkett schweben. Nachdem sie sich versichert hatte, dass ihre Füße noch festen Boden unter sich hatten, blickte sie in den ersten Spiegel und erschrak. Nicht sich sah sie im Spiegel, sondern ein Kind. Mit blonden Haaren und einem schlichten weißen Kleid. Als sie sich auf den Spiegel zu bewegte, wich das Mädchen zurück. Sie verharrte in der Stellung und erschrak noch mehr, als sie sich selbst in dem Kind erkannte. Was passierte hier? Sie hatte Angst und ihr Verstand sagte ihr nur eines: So schnell wie möglich hier verschwinden. Aber sie konnte sich dem hier nicht entziehen, wollte es auch irgendwie nicht. Sie ging zum nächsten Spiegel. Wieder erblickte sie sich selbst, nur ein wenig älter. Aber mit dem gleichen Kleid. Langsam tastete sie sich weiter vor. Stieß aber immer wieder an Spiegel, die sie irreführten. Sie merkte es auch daran, dass sie sie mit ihrem blauen Kleid, das sie heute trug, zeigten. War der Weg richtig, erkannte sie sich als Mädchen, welches immer älter wurde. Sollte sie es wirklich wagen, immer weiter zu gehen?

Sie rang mit sich und wusste es mit einmal. Ja, sie wollte. Sie wollte wissen, wie sie älter wurde. Weniger das Aussehen interessierte sie, sondern was sie ausstrahlte. Ob die gleiche Unruhe, wie in den jüngeren Jahren. Oder die Unbekümmertheit als Kind. Plötzlich sicherer geworden, wanderte sie von Spiegel zu Spiegel. Sah die Augen ihres Gegenübers strahlen vor Glück, Unfassbarkeit über erlittene Enttäuschung, Angst vor Versagen, Erleichterung, wenn noch einmal alles gut gegangen war. Als sie am Ende des Labyrinths angekommen war, verhielt sie längere Zeit und schloss die Augen. Sie wusste, was der letzte Spiegel zeigte. Wollte sie es wissen? Wollte sie ihren Tod sehen?
Mit geschlossenen Augen trat sie noch einen Schritt weiter. Ihr Herz raste, ihre Hände waren feucht und sie hörte sich laut atmen. Als sie die Augen öffnete, sah sie sich sitzen. Zuerst glaubte sie, sich schlafen zu sehen. Aber nein, sie schlief nicht. Sie war tot. Der Tod war so ganz nebenbei gekommen, ohne sich vorher anzukündigen. Ein unendlicher Frieden ging von der Gestalt aus.

Plötzlich öffnete sich der letzte Spiegel und ein Mann schaute sie an. "Was machen Sie denn hier? Es ist den Besuchern der Oper nicht erlaubt, die Räumlichkeiten anzusehen."
Ihr war es, als würde sie aus einem tiefen Traum geholt. Sie blinzelte den Mann an und brauchte einige Sekunden, um wieder im Hier und Jetzt zu sein. Wortlos ging sie an ihm vorüber und befand sich wieder im Gang. Dann hastete sie zurück zur Garderobe. Als sie ihren Mantel umhängte und die Oper verließ, atmete sie beim Hinausgehen tief die kühle Nachtluft ein. Sie spürte einen Frieden in sich, es war der Frieden der Toten, die sie in dem Spiegel gesehen hatte.

Tags: