07 Jan 2017

Der Schrankbewohner

Seit einer Woche wohne ich in einem Schrank. Wie es dazu gekommen ist?

Angefangen hat es damit, dass ich meine Arbeit verloren habe. Gekündigt nach 30 Jahren mangels Aufträgen. Die Jüngeren haben sie behalten und mich als erfahrenen Betriebsleiter hinausgeworfen. Mit 55 Jahren. Ich war am Boden zerstört, denn wer würde mich in diesem Alter noch nehmen?

Meine Frau zeigte sich anfangs noch verständnisvoll. Die beiden pubertierenden Kinder schauten mich nur mitleidig an. Aber das Mitleid war schnell vorbei, als ihre Ansprüche nicht weniger wurden: Schullandheimaufenthalte, Markenklamotten, Discobesuche. Sie sahen nicht ein, auf einmal auf das alles verzichten zu müssen. Susanne wollte auch nach jahrzehntelangem Hausfrauendasein nicht wieder ins Berufsleben einsteigen. Auch sie begann zu jammern, dass sie keine Wochenendausflüge mehr mit ihren Freundinnen machen konnte und in alten Lumpen herumlaufen müsse. Meine Eltern hatten die Einstellung, wenn man eine Arbeit finden will, findet man auch eine. Freunde hatte ich keine, mit denen ich mich aussprechen hätte können. Ans Ausziehen war nicht zu denken. Wohin sollte ich ohne Geld?

Nach einem der endlosen nächtlichen Streitereien mit Susanne habe ich geschrien: „Ich will nur noch weg von euch allen.“
Sie hat mich nur abschätzig angeblickt und gemeint:
„Wohin willst du denn, du kleiner Versager?“

Ich war tief verletzt und fühlte mich, als würde ich in mich zusammen schrumpfen. Dass dies nicht nur ein Gefühl war, merkte ich dann an ihren schreckensgeweiteten Augen.
Zuerst spürte ich es an meinen Händen, die sich schmerzhaft verkrampften, dann meine Arme, der Brustkorb, Becken und zum Schluss die Beine. Es beutelte mich vor Schmerzen. Plötzlich stand Susanne über mir. Das verstand ich nicht, waren meine Füße doch immer noch am Boden.

„Was ist das?“ überschlug sich ihre Stimme, „du schrumpfst ja.“

Ich schaute an mir herunter. Dabei verlor ich das Gleichgewicht und stürzte. Mein Kopf war unsäglich schwer. Mühsam richtete ich mich auf. Meine Hände und Füße kamen mir winzig klein vor. Entsetzt rannte ich zum Badezimmer. Mein Kopf wackelte wie bei einer Marionette hin und her. Die Türklinke war über mir und ich konnte sie auch in gestreckter Haltung nicht fassen. Susanne kam mir hinterher. Ihr Gesicht war nur noch eine Maske. Sie nahm meine Hand und führte mich zum Schlafzimmer, öffnete die Tür und da sah ich mich im großen Schrankspiegel. Einen Zwerg mit riesigem Kopf. Ich war geschrumpft auf die Größe eines Zweijährigen. Nur der Kopf war noch der alte. Bevor ich mich erholen konnte, klingelte es an der Haustür.

Susanne rief gehetzt:
„Das sind die Kinder. Sie dürfen dich so nicht sehen. Du bleibst solange im Schrank.“

Sagte es und stieß mich hinein. Den Schlüssel drehte sie herum. Da saß ich nun. Verzweifelt und ohne jede Hoffnung. Was sollte aus mir werden? So konnte ich doch niemandem entgegen treten. Immer wieder betastete ich meinen klein gewordenen Körper. Auf meinen Kinderhänden waren sogar Grübchen, die ich an den Jungs immer so gemocht hatte.

Spät am Abend schloss sie den Schrank auf und sagte:
„Dies ist jetzt vorerst dein Domizil. Die Wohnung ist zu klein, um dich vor den Kindern zu verstecken.“

Das erste Mal in meinem Leben war ich froh, dass meine Frau einen Faible für Klamotten hat und so modebewusst ist, denn der Schrank hat einen stattlichen Innenraum. Sie verstaute die Kleidung in Umzugskartons, warf mir Kissen und Decken hinein und wünschte mir eine gute Nacht.

Ja, so ist alles gekommen und in der vergangenen Woche habe ich einiges getan, um mein neues Zuhause wohnlich einzurichten. Habe eine Lampe angebracht und den Boden mit einem Flickerlteppich ausgelegt. Susanne hat mir Kindertisch und -stuhl vom Dachboden geholt und das Kindergeschirr. Bücher hat sie mir gebracht und einen MP3-Player. Den Kindern, Verwandten und Bekannten hat sie erzählt, ich sei für einige Monate verreist um erst mal mit der Arbeitslosigkeit und meiner neuen Situation fertig zu werden.

Anfangs bin ich vormittags – wenn unsere Söhne in der Schule waren – oft herausgekommen und im Haus herumgelaufen. Nachdem ich aber gemerkt hatte, dass alles zu hoch für mich war und ich auch immer das Gleichgewicht verloren hatte wegen meines riesigen Kopfes, bin ich nur noch heraus, um zur Toilette zu gehen, mit Sitzverkleinerer natürlich, und mich zu waschen, wozu ich auch einen Hocker brauchte.

Mittlerweile fühle ich mich wohl in meiner Behausung. Fühle mich fast wie ein alter Hase, der nicht mehr aus seinem Käfig will, obwohl die Türe offen steht.

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