07 Jan 2017

Die verbotene Tür

„Fühl dich hier wie zuhause. Nimm dir Bücher zum Schmökern soviel du willst oder Brettspiele, die in diesem Schrank untergebracht sind.“

„Danke“, erwiderte sie artig mit einem Knicks. „Spielst du denn auch mit mir?“

„Nein, nein“, wehrte ihr Onkel barsch ab, „das kannst du mit Frau Pechstein tun, die auch zu deiner Gesellschaft angestellt wurde.“

Dorothee dachte bei sich: „Da könnte ich ebenso mit einem Nussknacker spielen, so steif wie die ist.“
Sie nickte aber nur und wandte sich zur Tür.

„Ach, eh ich' s vergesse“, warf der Hausherr ein, „es gibt ein Zimmer, welches du nicht betreten darfst. Es befindet sich im zweiten Stock, es ist das mit der Doppeltür.
Da hast du nichts zu suchen. Es ist zwar verschlossen, aber ich möchte, dass du dort auch nicht vor der Tür verweilst!“

Dorothee erschrak über die scharfen Worte des Hausherrn, die er mit zusammengepressten bleichen Lippen hervorstieß. Sie verkniff sich die Frage nach dem Warum des Verbots, denn sie wusste von der Strenge und Unnahbarkeit des Onkels.
Sie verabschiedete sich mit einem höflichen „Gute Nacht“, aber er erwiderte ihren Gruß nicht und warf ein Holzscheit ins Feuer.

Vor der Tür prallte sie fast mit Elvira, dem Dienstmädchen, zusammen. Sicher hatte sie gelauscht.
„Ich führe dich jetzt in dein Zimmer“, stotterte sie. Sie ging mit ihr in den 1. Stock und zeigte ihr auch das Schlafzimmer ihres Onkels. Dann gab sie ihr den Rat: „Gehe deinem Onkel besser aus dem Weg, er ist ein unglücklicher Mann seitdem seine Frau gestorben ist. Und du bist ja auch nur einige Wochen bei uns. Frau Pechstein wird sich sicher um dich kümmern.“

Dorothee war sehr neugierig, aber sie dachte, es wäre besser zu warten, um dem neugierigen Dienstmädchen einige Geheimnisse zu entlocken. Ihr Zimmer war ein großer Raum mit grünen schweren Samtvorhängen, einem Himmelbett, in das auch noch ihre vier Geschwister Platz gehabt hätten und brokatbezogenen Sesseln. Das einzige was ihr gefiel, war ein kleiner Nussbaumsekretär mit Hocker davor. Elvira zeigte ihr die Waschschüssel auf der Kommode und warf noch einen Blick in den Kamin, in dem noch Glut war. Dann wünschte sie dem Mädchen eine gute Nacht.

Dorothee setzte sich erschöpft in einen der Sessel und schloss die Augen. Heute war ein anstrengender Tag gewesen. Die lange Reise in der Kutsche von ihrem

Elternhaus bis hierher und die Ankunft in dem großen Haus mit den vielen Bediensteten überwältigten sie. Aber es wurden sicher spannende Ferien und sie hoffte, den Fängen von Frau Pechstein oft zu entrinnen.

Dann schlief sie erschöpft ein.

In der Nacht wurde sie plötzlich wach. Über ihr waren Schritte zu hören. Dorothee
lauschte angestrengt. Es war mehr ein Trippeln. Das konnten unmöglich ihr Onkel oder einer vom Personal sein. Da, jetzt meinte sie ein leises Klingeln oder eine Melodie wahrzunehmen. Neugierig geworden stand sie auf und öffnete die Zimmertür. Draußen war es dunkel und still. Leise schlich sie hinaus und die Treppe hoch. Das Klingeln kam eindeutig aus dem verbotenen Zimmer. Dorothee drückte ihr Ohr gegen die Doppeltür. Da, ein perlendes Kichern und wieder die Melodie, wie von einem Glockenspiel. Sie guckte gespannt durch das Schlüsselloch.

Sie gewahrte ein seltsames Wesen, nicht Mann, noch Frau; hochgewachsen. Die Beine steckten in engen schwarzen Beinkleidern und es trug ein schwarzes kurzes Kleid, so wie eine Ballerina. Das feine Gesicht wurde fast erdrückt unter der Haarpracht, auf der Kerzen, brennende Kerzen, gesteckt waren. So etwas Seltsames hatte Dorothee noch nie gesehen, in ihrem ganzen Leben nicht. Angespannt hörte sie fast auf zu atmen. Zwischen spitzen Fingern hielt das fremde Wesen eine Art Zigarre, so als hätte sie mit der die Kerzen auf ihrem Haupt angezündet. Plötzlich hielt es inne und blickte in Dorothees Richtung.

„Komm herein“, flüsterte es mit schmeichelnder Stimme.
„Ich kann nicht, die Tür ist verschlossen.“

Da lachte der brennende Haarschopf und Dorothee stürzte fast zu Boden, als die Tür sich wie von selbst öffnete.
Das Mädchen erhob sich schnell und blickte herzklopfend hoch.
„Wie schön du bist“, hauchte sie bewundernd.

Wieder das helle Lachen
„Willst du mir helfen?“
„Ja, so schön wie du bist, mache ich alles für dich“, stimmte Dorothee eifrig zu.
„Dann nimm die Zigarre und gib sie dem Hausherrn, steck' sie ihn zwischen die Finger. Er hat solange ihren Duft nicht gerochen.“
„Das darf ich nicht tun. Wenn er wach ist, erlaubt er es nicht und wenn er schläft, kann er sie nicht gebrauchen.“
„Doch, doch, er muss sogar schlafen. Durch den Duft wird er einen süßen Traum haben und endlich wieder fröhlich sein.“

„Meinst du das wirklich?“ fragte Dorothee hoffnungsvoll.
„Aber ja, tu was ich dir sage, du kannst danach zu mir zurückkommen und wir tanzen zusammen.“
„Oh ja, das würde ich zu gerne“, stimmte das Mädchen zu und nahm die Zigarre.

Sie schlich in das Schlafzimmer ihres Onkels und steckte ihm vorsichtig den glimmenden Stängel zwischen die Finger. Dann hastete sie zurück. Aber wie war sie enttäuscht, als sie die Tür verschlossen vorfand. Alles Klopfen half nichts, wie wurde nicht aufgetan. Müde war sie jetzt und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer, um wieder erschöpft einzuschlafen.

Diesmal wurde sie durch ein Schreien geweckt. Sie eilte zur Tür. Das Feuer roch sie bevor sie es sah. Elvira war plötzlich da und packte sie am Arm. Sie rannte mit ihr zur Treppe. Überall waren Flammen. Stechende, beißende.

„Was ist mit dem Onkel?“ rief das Mädchen angsterfüllt.
„Zu spät.“ Elvira zeigte in Richtung seines Zimmers. Die Tür stürzte krachend unter den Flammen zusammen.

Da war es Dorothee, als würde sie zwischen dem prasselnden Feuer das schöne Wesen tanzen, lachen und ihr zuwinken sehen. Voller Grauen wandte sie sich ab und sie ergriffen sie die Flucht.

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