06 Jan 2013

Die Waldfrau

An meinem 45. Geburtstag offenbarte mir mein Mann, dass er mich verlassen werde. Für mich brach alles zusammen. Eine Zeitlang wohnte ich mit meiner jüngeren Schwester bei meiner Mutter. Meine Kinder waren erwachsen und schon außer Haus. Sie brauchten mich nicht mehr. Dass meine Mutter mich auch nicht mehr brauchte, merkte ich bald. Schon immer hatte sie eine innigere Beziehung zu meiner Schwester gehabt. Da fing es an, dieses Sehnen woanders sein zu wollen. Ich ging viel im Wald spazieren und hatte immer weniger das Bedürfnis, nach Hause zurückzukehren. Schlimmer wurde es, als meine Mutter mich immer mehr kritisierte: „Schau, wie du herumläufst“, „lass dich nicht so gehen, kein Wunder, dass dein Mann dich verlassen hat“.

Irgendwann nach einer dieser demütigenden Anschuldigungen packte ich dann meinen Koffer. Aber wohin? Ich irrte die ganze Nacht umher, verzweifelt und mutlos. Bis ich dann den Felsen sah. Mitten im Wald erhob er sich unwirklich zwischen Brombeerbüschen und Farngestrüpp. Ich kauerte mich an ihn und ließ meinen Tränen und meiner Sehnsucht freien Lauf. Da war mir plötzlich, als ob der Stein nachgab und mich in sein Inneres zog, fast wie ein Magnet. Ein starker Sog erfasste mich und wirbelte mich herum. Gleißendes Licht umgab mich. Ich hatte furchtbare Angst und schrie. Mit einmal hörte der Sog auf und ich landete abrupt auf dem Boden. Mein Körper schmerzte und ich getraute mich nicht, die Augen zu öffnen. Als ich es schließlich doch tat, wusste ich sofort, dass etwas passiert war. Der Felsen ragte noch vor mir auf. Aber ich spürte, dass irgendetwas anders war.

Dass ich einen Zeitsprung erlebt hatte, merkte ich erst später, als ich das erste Mal Menschen sah. Da war ich schon halb verhungert. Sie lasen mich auf und trugen mich zu ihrer Hütte. Brachten mich in ein Bett, das nach Stroh roch und legten mir heiße Steine an die Füße. Sie flößten mir eine Suppe aus Getreideschrot ein, die mir zwar nicht schmeckte, mich aber wieder zu Kräften kommen ließ. Sie trugen Hemden aus groben Leinen, die Männer weite Hosen und die Frauen knöchellange Röcke und Hauben auf dem Haar. Sie redeten Deutsch, aber für mich schwer verständlich. Keine Frage, ich befand mich im Mittelalter.

Als ich langsam zu Kräften kam, fragten sie mich, warum ich so komische Kleidung trage und wo ich her käme. Sie hatten noch nie vorher eine Jeans, ein T-Shirt und eine knallrote Windjacke aus Polyester gesehen. Von Slip und Büstenhalter war die Tochter des Hauses so begeistert, dass ich ihr die Wäsche schenkte.

Über 10 Jahre lang habe ich in dem kleinen Dorf gelebt. Ich habe dort meinen Mann gefunden und wir haben uns aufrichtig geliebt, obwohl er 20 Jahre jünger war als ich und ich ihm keine Kinder schenken konnte. Mir war egal, dass mein altes Leben vorbei war. Ich habe als Lehrerin gearbeitet und in staunende Kinderaugen gesehen, wenn ich ihnen Geschichten von heute erzählte.

Es hätte alles so bleiben können, wenn ich Gottfried, meinem Mann, nicht gebeten hätte mich zu dem Felsen zu führen, wo sie mich damals gefunden hatten.

An einem Herbstmorgen machten wir uns auf den Weg. Die Bäume waren voller bunter Blätter, nie zuvor war mir der Wald so urwüchsig und gewaltig vorgekommen. Wir waren unbeschwert und lachten viel.

Bis wir schließlich vor dem Stein standen und ich ihm noch einmal meine Geschichte erzählte. Als ich ihm die Stelle zeigte, wo ich mich angelehnt hatte, krallten sich seine Hände in meinen Arm. In seinen Augen stand die Angst, mich zu verlieren. Hätte ich doch nur auf sein Flehen gehört. Aber meine Neugier war größer. Ich wollte nur wissen, ob es wieder funktionieren würde. Fast riss ich mich los von ihm und berührte nur vorsichtig den Stein mit dem Finger und wollte ihn schon zurückziehen. Aber es war zu spät. Der starke Sog ergriff mich und riss mich mit sich fort. Es war alles wie beim ersten Mal. Da war ich wieder in der heutigen Zeit. Ich merkte es zum einen, dass Gottfried nicht mehr da stand und an dem Verbotsschild für Autos vor meinen Augen.

Ich war verzweifelt, wollte nur noch zurück. Habe es immer wieder versucht und versuche es weiter. Deswegen muss ich hierbleiben. Irgendwann wird der Stein mich wieder fort tragen in die Zeit, in der ich wirklich ein erfülltes Leben habe und gebraucht werde.

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