07 Jan 2017

Eins sein

Sie war schon lange unterwegs. Aber irgendwann reizte sie der Schotterweg nicht mehr und sie nahm einen schmalen Pfad, der in den Wald führte. Buchen mit grau schimmernder Rinde und wuchtige Eichen wechselten sich ab. Sie hob den Kopf und fühlte sich klein unter dem dichten Blätterdach.

Sie umarmte einen Baum und rieb ihre Wange an dem kratzigen Stamm, so wie sie es als Kind getan hatte. Die Rinde roch, als hätte sie in der Sonne gebadet.

Dann lief sie weiter und sank ein in Moosbüscheln. Kniete sich hin und legte ihr Gesicht auf ein Moospolster, das erdig-feucht roch. Sie trennte es ab und erschrak, weil schwarze Käfer auf den Wurzeln krabbelten. Sie sonderten einen scharfen Geruch ab. Hastig warf sie das Moos auf den Boden.

Sie drang weiter in den Wald ein. Roch an Pilzen, aß Brombeeren und zerquetschte Tollkirschen. Schnaken stachen sie und Dornen zerkratzten ihr die Beine. Sie beschmierte die Stiche mit Spucke und leckte ihr Blut ab. Sie war berauscht von diesem Wald und wollte immer mehr davon.

Da nahm sie Fliegenpilze, die rot und verlockend aus dem Braun heraus leuchteten und rieb damit über ihre Arme. Sie taumelte weiter und staunte über einen wuchtigen Fels, der wie hingeworfen auf einer Anhöhe lag. Dunkel und Moosbewachsen. Mit Gesichtern darin, die sie Tiere und Riesen sehen ließ.

“Angekommen”, dachte sie, schloss die Augen und lehnte sich an den Fels. Sie fühlte den Stein im Rücken und wenn sie sich fester an ihn presste, spürte sie, wie er nachgab und sie eins werden ließ mit ihm.

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